Es gibt keine falschen Entscheidungen. Es gibt nur Konsequenzen

Believe in Britain Tafel für einen Brexit

Man kann zum Ausgang des Brexit Referendums stehen, wie man will: es ist zumindest Beleg dafür, dass sich GEGEN eine vage formulierte Sache immer trefflich Stimmung machen lässt, denn man braucht hierfür nur eine Leitidee, in die ein jeder Mensch sein ganz eigenes Bild hineindenken kann. Vor einem halben Jahrhundert war das in der BRD zu erleben, als der § 218 geändert werden sollte. Sowohl die Katholische Kirche als auch die Frauenbewegung waren FÜR eine Änderung … denn den Abtreibungsgegnern ging die Schärfe nicht weit genug und die andere Seite wollte eine generelle Freigabe von Abtreibungen. Beide waren sich aber darin einig, dass der § 218 nicht so bleiben konnte, wie er seinerzeit war.

Auch in (Noch)Großbritannien war die Ausgangslage ähnlich. Da gab es die mit einem Hass auf alle Ausländer erfüllten Gegner des EU-Verbleibs der Briten, dann die eher harmlosen Träumer von der alten Macht des Empires, diejenigen, die sich mit ihrem Herzen wünschten, dass man das Geld, das aus London nach Brüssel fließt (und von dort womöglich nach Griechenland oder die Türkei) im Vereinten Königreich besser verwenden könne, die von Arbeitslosigkeit gefrusteten und so weiter und so fort. „Wer hat die britischen Miseren verursacht? – Genau: Die EU“. Hinzu kam: Eine schwache Regierung als Gegenpol dachte erstens „Wir schaffen das…“ mit dem Referendum und ging zweitens eher halbherzig daran, mit Zahlen untersetzten Ausstiegs-Theorien die richtigen Fakten gegenüber zu stellen.

 

RemaIN THE EU Tafel für einen Verblieb

Ein weiser Mensch hat einmal gesagt: Es gibt keine falschen Entscheidungen. Es gibt nur Konsequenzen. Deshalb sollte man keinem Briten vorwerfen, beim Brexit-Referendum eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Schließlich weiß niemand sicher, was die Zukunft bringen wird. Die vielen kleinen Veränderungen im täglichen Leben (teilweise durchaus lieb gewonnen von Mr. & Mrs. Smith), die auf die Menschen zukommen, wurden in den letzten Tagen von einer Vielzahl der Briten hektisch gegoogelt. Hier eine kleine Auswahl von Brexit-Folgen:

1.) Wenn „die ganzen Polen“ in spätestens zwei Jahren „nach Hause“ zurück geschickt werden (…sprich in andere EU-Länder gehen, um dort zu arbeiten…), wer macht dann deren Jobs für deren Bezahlung? Gibt es hierfür genug Briten und werden die alsdann für eine bessere Bezahlung streiken und dadurch die Wirtschaft im UK weiter schwächen?

2.) Wer bezieht zukünftig die Wohnungen, die im Moment noch an „die Ausländer“ vermietet sind, und zahlt die Mieten?

3.) ALDI, LIDL und SPAR sind im Vereinigten Königreich eine wirklich preiswerte Alternative zu TESCO und anderen einheimischen Discountern geworden. Dies durch die Waren- und Handelskreisläufe der EU. Kaum vorstellbar, dass beide weiter auf der Insel expandieren werden. Zu befürchten ist sogar, dass sie sich Stück für Stück aus Großbritannien zurückziehen werden.

Vote to leave Bus in London

4.) Derzeit können EU-Bürger mit einem Reisepass, einem Personalausweisdokument oder einem vorläufigen Pass in das UK einreisen, Briten sich umgekehrt genauso frei zwischen Portugal und Ungarn bewegen. Zukünftig gilt wohl die gegenseitige Visumspflicht und wer trotz Visum länger als drei Monate „im jeweils anderen Teil der europäischen Welt“ bleiben will oder dort eine Arbeits- bzw. Studienerlaubnis beantragt, könnte vor größeren Problemen stehen.

5.) Billig-Flüge von nach England, Schottland, Wales, Nordirland oder Flüge von dort nach Deutschland oder die spanischen Urlaubsregionen werden sich drastisch verteuern (weshalb z.B. Ryanair-Boss Michael O’Leary ein glühender Verfechter der „RemaIN“-Kampagne war). Der Grund: die europäische Deregulierung im Flugverkehr sorgt bislang dafür, dass Fluggesellschaften Verbindungen zwischen Festland-Europa und der Insel ähnlich wie einen Binnenflug behandeln können. Solche im Grund unnatürlich günstigen Flüge (wie z.B. für unter zehn Euro von Berlin nach London) wird es nach dem vollzogenen Austritt ab 2019 aller Voraussicht nach nicht mehr geben.

Die Liste der Irrungen und Wirrungen lässt sich beliebig verlängern; Shakespeare hätte seine Freunde am Brexit-Stoff gehabt. Aber wie gesagt: Es gibt keine falschen Entscheidungen – es gibt nur Konsequenzen. Da gilt es auch nicht, zu sagen: „Das habe ich / das haben wir nicht gewusst!“ – Zeit genug, sich zu informieren hatten alle Briten nun wirklich ausreichend gehabt.

Eine Kolumne von Rainer Sauer

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