Einige Gedanken zu GERMAN ANGST und GERMAN MUT

ARD - Das Erste - Brand by Zündel - Abbildung © MediaPool Jena

Die weltbekannte GERMAN ANGST hat vor Kurzem wieder einmal gewonnen … und in ihrer Konsequenz damit den Eurovision Song Contest 2016 in Schweden verloren. Darum geht es in diesem Artikel.

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber scheiterte beim ESC 2016 erneut mit seinem Ziel, endlich „auf die linke Seite der Punktetabelle“ zu gelangen, sprich: unter die ersten 13 Staaten der Länderwertung zu kommen. Angesichts der Tatsache, dass sich die ARD seit 1995 die Marke „Das Erste“ verordnet hatten, war dies damit im Grunde ein eher bescheidenes Ziel, doch selbst dies misslang. Trial and error – trial and error – trial and error – trial and error: es war Deutschland und der ARD tatsächlich das vierte Mal in Folge nicht möglich zu den besten 13 Nationen zu gehören und zum zweiten Mal in Folge wurde Deutschland sogar Tabellenletzter.

Trial and Error

Wenn eine Idee so oft fehlschlägt, dann gibt es naheliegende Gründe dafür, vergleichbar dem wackeren Gründer, der versuchen würde in Grönland zur Winterzeit Speiseeis zu verkaufen. Bei ihm wäre es 1.) der falsche Standort für seine Geschäftsidee, 2.) hat er zu wenig potentielle Käufer und 3.) wohl hatte das Wetter nicht bedacht. – Doch was waren die Gründe für das wiederholte Scheitern der ARD?

Das letzte Mal, dass es Deutschland „auf die linke Seite der Punktetabelle“ geschafft hatte, war 2012 in Baku Roman Lob am Start: eine Stefan Raab Produktion. Der hatte – weil ihm die ESC Prinzipien des Ersten Deutschen Fernsehprogramms zu verstaubt waren – in den frühen 2000er-Jahren auf Kreativität gesetzt, ganz so wie schon 1998 als Komponist und Produzent „Alf Igel“ und dem Song „Guildo hat euch lieb“ von Guildo Horn (ESC Platz 7 von 25 Teilnehmern) und unter eigenem Namen mit „Watte hatte dudde da“ (ESC 2000 Platz 5 von 24).

BUVISOCO 2015 FlyerNachdem das Erste an einem Raab Angebot zur weiteren Zusammenarbeit über das Jahr 2000 hinaus nicht interessiert war, schuf Rabb mit „Der Bundesvision Song Contest“ und SSDSGPS (oder: „Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“) Shows, die zu TV-Klassikern wurden und ihm für SSDSGPS sogar den Adolf-Grimme-Preis einbrachten. Der Hintergrund für SSDSGPS war eine Wette mit NDR-Unterhaltungschef Dr. Jürgen Meier-Beer im Jahre 2003, der Stefan Raab eine Wildcard für den Deutschen ESC-Vorausscheid versprochen hatte, falls der von ihm (und Raabs TV Publikum) gekürte Künstler Erfolg in den Charts haben sollte. Entdeckt wurde hierbei Max Mutzke, der in der deutschen Hitparade mit dem Gewinnersong „Wait until tonight“ auf Platz eins kam, damit auch locker die deutsche Vorentscheidung gewann und beim Eurovision Song Contest 2004 unter 24 Teilnehmern den achten Platz belegte.

Aber noch immer wachte das Erste nicht auf, entschied sich gegen die von Stefan Raab angebotene Hilfe und machte in den Folgejahren selbst Versuche, an Raabs Erfolgsrezept heranzukommen – vergeblich. Erfolg (und Quote) hatte allein Raab und zwar 2007 mit der Castingshow SSDSDSSWEMUGABRTLAD (= „Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf“) mit einer Gewinnerin, die bis heute in den Charts erfolgreich ist: der Schweizerin Stefanie Heinzmann. Doch nochmals vergingen 2 1/2 Jahre, bis die große ARD vor dem kleinen Raab-TV-Imperium zu Kreuze kroch und Stefan Raab eine Zusammenarbeit anbot.

4 x Deutscher ESC Beitrag von Stefan Raab2010 suchte Raab schließlich in der achtteiligen Castingshow USFO (= „Unser Star für Oslo“) für die ARD den Teilnehmer oder die Teilnehmerin am Eurovision Song Contest 2010. Raab war Juryvorsitzender der Castingshow, die eine ARD-Zusammenarbeit mit dem Privat-Fernsehsender ProSieben war – auch hier schrieb Raab also Fernsehhistorie – und die Siegerin des Wettbewerbs hieß Lena Meyer-Landrut mit dem Lied „Satellite“, das von Stefan Raab produziert wurde. Ende Mai 2010 gewann Meyer-Landrut mit diesem Song in Oslo den Eurovision Song Contest. Das Erste ließ Raab sodann auch für das Folgejahr freie Hand und der schrieb dieses Mal ESC-Historie, indem er Lena Meyer-Landrut als Titelverteidigerin beim Eurovision Song Contest 2011 für Deutschlands antreten ließ.

In einer dreiteiligen Fernsehshow, die erneut eine Zusammenarbeit von ProSieben und Das Erste war, wurde aus zwölf Kompositionen das neue ESC-Lied für Lena gesucht. Mit dem Siegerlied „Taken by a Stranger“ belegte Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest im Mai 2011 den zehnten von 25 Plätzen. Letztmalig war Raab sodann 2012 für Das Erste tätig und man kürte in acht Livesendungen auf den Fernsehsendern ProSieben und Das Erste als Gewinner Roman Lob mit dem Lied „Standing Still“. Dies war, wie bereits erwähnt, das letzte Mal, dass ein Song aus Deutschland beim ESC „auf die linke Seite der Punktetabelle“ gelangte; Lob erreichte mit 110 Punkten den achten Platz.

ESC Ergebnis Stockholm 2016Woran lag es, dass Deutschland in diesem Jahr Letzter wurde. Sicher nicht an der Sängerin Jamie-Lee, denn die 18-Jährige legte einen starken Auftritt hin. Alles war künstlerisch perfekt. Und es lag auch nicht an Angela Merkel, wie Verschwörungstheoretiker vermuten, nach deren These Deutschland beim ESC für die Politik der Kanzlerin abgestraft werde. Als Beleg sei nur der Top3-Erfolg des von Vladimir Putin favorisierten russischen Beitrags angeführt und die Frage sei gestattet, ob den europäischen Zuschauern der russische Präsident und seine Politik tatsächlich so viel sympathischer erscheint als Merkel und deren Politik?

Wenn man genau hinschaut, dann liegen die Fehler wohl allein beim verantwortlichen Sender: dem Norddeutschen Rundfunk. Auf das Desaster der verunglückten Direktnominierung von Xavier Naidoo, dem die TV-Zuschauer (in der Manier von Raab und Lena Meyer-Landruts Titelverteidigung…“Wer hat’s erfunden?“) einen Siegersong suchen sollten, folgte eine „Business as usual“ / „Same procedure as every year“ Entscheidung und man ließ sich von deutschen Plattenfirmen eiligst Vorschläge für den deutschen Vorentscheid unterbreiten. Am Ende war dann eben nicht das Manga-Fräulein Jamie-Lee die falsche Entscheidung, sondern das Teilnehmerlied „Ghost“. Bereits im Herbst 2015 veröffentlicht und dort in den deutschen Charts nicht über Platz 11 hinausgekommen, weiß wohl nur Das Erste (resp. der NDR), weshalb man mit „Ghost“ einem Song, der noch nicht einmal in Deutschland funktionierte, Hitpotential in Europa einräumte.

Jamie-Lee beim Finale des ESC in Stockholm - Foto © ARD Das ErsteDoch die ARD hatte eine zündende Idee: Wie bauen um das Lied Top-Technik. Für Jamie-Lees Auftritt in Stockholm wurde auf aufwendig-teure Laser-Hologramm-Technik gesetzt, die aber weder in der riesigen Veranstaltungshalle noch dem Fernsehbild wahrgenommen wurde und damit keinen Nutzen hatte. Man ahnt: ein Stefan Raab hätte wahrgenommen, dass ein ESC-Auftritt ohne eine schlüssige Idee, mit der man die Herzen erreicht, trotz Top-Technik schiefgehen wird. Und er hätte sicherlich gegengesteuert, umso mehr, als der letzte Platz ein Scheitern mit Ansage war. Mehrfach wurde der deutsche Beitrag vor dem ESC im Mai 2016 in Sendungen von internationalen Fernsehsendern besprochen und diskutiert, wobei die Experten fast durchweg zu dem Ergebnis kamen, dass es so – also die bunte Jamie-Lee und die Lasertechnik – mit „Ghost“ nichts werden würde. Statt dies ernst zu nehmen, machte der NDR einfach stoisch so weiter, wie besprochen.

„Trial and error,  trial and error, trial and error, trial and error“ – Das war kein Beta-Konzept – sprich: Wenn wir schon nciht gewinnen werden, dann aber sollten wir so gut wie möglich sein – sondern eher eines der Marke Delta. Das Erste muss sich nun wirklich ernsthaft fragen, ob man tatsächlich selbst in der Lage ist, bei ESC die richtigen Prioritäten zu setzen. Keine Frage: Es gibt (lebens)wichtigere Dinge in der Welt, vom Brexit-Afterglow und der Zukunft der EU bis hin zu den Flüchtlingsströmen. Aber der NDR wird weiter das Eurovision Song Contest Feld beackern. Das ist so sicher wie das vielgepriesene „Amen“ in der Kirche. Und die Verantwortlichen sind auch zukünftig immer mit Herzblut bei ihrer Sache, aber für ein „gut“ im Arbeitszeugnis reicht das kaum. Hier hat Das Erste echten Nachholbedarf und man sollte zukünftig einmal den GERMAN MUT haben, mit einem 80%ig guten Song „auf die linke Seite der Punktetabelle“ zu kommen, statt mit dem Ziel eines 100%igen Erfolgs erneut zu scheitern. Vom Erfolg der anderen abzuschauen, heißt lernen, wie man einen guten Song und eine gute Show macht. Es muss nicht perfekt werden – nur erfolgreich: Beta eben.

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