„4. November 2011“: Wie Egon Schubert beim Brötchenholen etwas Ungewöhnliches auffiel.

ZONO Radio Jena - 4. November 2011 Teaser

An dem betreffenden Freitag stand Egon Schubert* kurz vor 9.00 Uhr auf. Nachdem er sich gewaschen hatte, kleidete er sich an, zog sich die schwarze Lederjacke über, setzte den grünen Filzhut auf den Kopf, nahm seinen Stoffbeutel in die Hand verließ gegen 9.30 Uhr seinen Plattenbau in thüringischen Eisenach, um Brötchen und Milch zu holen. Schubert ist ein korrekter Mensch, der drei Jahrzehnte lang beim DDR-Zoll gearbeitet hatte, Paketen kontrollierte, manche davon öffnete um nachzusehen, ob alles den Vorschriften entsprach, seine Richtigkeit hatte. Als Zöllner hatte man stets aufmerksam zu sein.

Kurz nach der Wende erlebte Egon Schubert eine Zäsur in seinem Leben: Die neue, große Bundesrepublik hatte für den damals 55-Jährigen keine Verwendung mehr – man schickte ihn in den Vorruhestand, eine Abfindung gab es nicht. Da seine Rente knapp war, halt Schubert einige Jahre lang für die Firma Lidl & Schwarz im Kaufland aus und räumte dort Regale ein. Heute ist er 80 Jahre alt und lebt er von etwas mehr als 1.000 Euro Rente. Lidl blieb er über die Jahre stets verbunden und kauft seine Dinge des täglichen Bedarfs bevorzugt dort ein. Dabei schaut er sich an, wie seine Nachfolger heute die Regale bestücken. Manchmal schüttelt er darüber den Kopf, dann wieder lächelt er still.

Egon Schubert ist auch mehr als ein Vierteljahrundert nach der Wende immer noch ein bescheidener Mensch, hat die Lebensverhältnisse akzeptiert und sich, wie er sagt, noch nie über etwas beklagt. Das gilt auch für die 300.000 Euro Belohnung, die von der Landesregierung Baden-Württemberg seit dem Jahre 2007 als Belohnung für Hinweise ausgesetzt wurde, die zur Ermittlung der Mörder an der Polizistin Michèle Kiesewetter führen. Bislang ist nichts von der Belohnung ausgezahlt worden, wie der Sprecher des baden-württembergischen Innenministers erklärt. Es hätte sich bis heute noch niemand gemeldet, heißt es. Oder besser gesagt: Egon Schubert hat sich noch nicht gemeldet.

An diesem 4. November 2011 geht der Senior gegen 9 Uhr 30 einkaufen. Seine tägliche Lebensplanung ist übersichtlich, dazu gehört auch der morgendliche Gang zum Lidl-Markt. Man könnte fast sagen, jeder einzelne Tag in Schuberts Leben verläuft in festen Bahnen – oder: Ungewöhnliches fällt dem Ruheständler dabei natürlich auf. Jeden Morgen dreht er nach dem Einkauf eine Runde durchs Viertel, danach besucht er seine Lebensgefährtin. Den Abend lässt man für gewöhnlich gemeinsam oder jeder in seiner Wohnung vor dem Fernseher ausklingen. Inzwischen ist es 9.40 Uhr, der Lidl-Markt liegt etwa einen halben Kilometer entfernt und ist über einen asphaltierten Weg gut zu erreichen. Schubert läuft wie jeden Tag durch eine mit Graffiti besprühte Autobahnunterführung, über die längst keine Autobahn mehr führt, kommt, auf der anderen Seite angekommen, an einer stillgelegten Diskothek vorbei, die immer noch M.A.D. heißt, was ein Akronym für „Music, Action und Dance“ ist. Aber das weiß Egon Schubert nicht – M.A.D: erinnert ihn eher an den bundesdeutschen „Militärischen Abschirmdienst“.

Mit mehr als 30.000 Gästen im Monat war das MAD die größte Diskothek im Freistaat Thüringen mit einem riesigen Parkplatz, doch seit ihrer Schließung im Frühjahr 2010 steht sie leer und der Parkplatz ist verwaist. Schubert erreicht die Feuerwehr-Auffahrt zum OBI-Baumarkt. Da bemerkt er etwas, das er dort zuvor noch nie gesehen hatte: ein weißes Wohnmobil. Es steht einsam auf dem Parkplatz der ehemaligen Diskothek. Und dann passiert das zweite Ungewöhnliche an diesem Morgen: Zwei Radler kommen in das Blickfeld von Egon Schubert, der weiter läuft in Richtung Lidl-Markt. Beide Männer sind etwa 30 Jahre alt, steuern auf das Wohnmobil zu. Der Rentner kann aus 20 Metern Entfernung sehen, wie einer der Männer in offensichtlicher Eile die Fahrräder in das Mobil hebt und dann ins Fahrzeug klettert, der andere öffnet die Fahrertür und steigt ein, das Wohnmobil startet und zügig fahren die Männer los.

Als sie vom Parkplatz in Richtung Norden abbiegen, kann Egon Schubert für einen kurzen Moment das Kennzeichen erkennen, es beginnt mit dem Buchstaben V. Er setzt seinen Weg zum Lidl-Markt unbeirtt fort und schnell ist das Wohnmobil aus seinen Augen entschwunden. Was der Rentner nicht ahnt: Er ist der Letzte, der die beiden Fahrradfahrer lebend gesehen hat. Im Discountermarkt grübelt er, wofür das V auf dem Kennzeichen stehen könnte: Viernheim, Vacha, Velten? Es ist inzwischen schon kurz nach 10.00 Uhr, Schubert hat Wasser in seinen Beutel getan, Brötchen, Bananen. Auf die Milch muss er warten, die wird gerade auf einer Euro-Palette mit der Ameise aus dem Lager geholt. Nachdem er alles bezahlt und wieder in seinem Beutel verstaut hatte, tritt er kurz vor halb elf den Heimweg an.

In Ruhe geht er die Straße hinunter, vorbei an dem mittlerweile leeren Parkplatz und bemerkt das dritte Ungewöhnliche an diesem Freitag. In einiger Entfernung steht ein Polizeiauto, davor zwei Streifenbeamten. Einer von ihnen fragt eine vorbeikommende Frau mit lauter Stimme, ob sie zwei Männer auf Fahrrädern gesehen habe. Sie verneint. Schubert ist von der Frage wie vom Donner gerührt, geht schnell auf die Beamten zu und ruft ihnen zu: „Aber ich. Ich habe die gesehen!“ In knappen Worten schildert der ehemalige Zöllner den Beamten seine Beobachtungen, führt sie zu dem Parkplatz und zeigt auf die Reifenspuren, die das Wohnmobil im Schotter hinterlassen hat.

Über Funk geben die Polizisten die Informationen weiter. Die Durchsage von kurz vor 10.50 Uhr lautet, dass die Täter vermutlich in einem weißen Wohnmobil geflüchtet sind, mit dem Kennzeichenfragment V für den Vogtlandkreis. „Bei dem V war sich der Zeuge sicher“, heißt es. Die Tragweite seiner Zeugenangaben ist Egon Schubert in diesem Moment nicht klar. Er fragt deshalb nach und hört, dass die beiden Männer wahrscheinlich eine Sparkasse überfallen hatten. Schubert fragt sich nervös, ob er tatsächlich zwei Bankräuber auf der Flucht gesehen haben kann. Mit einem Gefühl der Aufregung geht er nach Hause.

Am Nachmittag des 4. November 2011 klingelt die Kriminalpolizei bei ihm. Nun muss er eine Vernehmung über sich ergehen lassen und erfährt, dass er – Egon Schubert – wichtigster Tippgeber und nun ganz offiziell als Zeuge in einem Raub- und einem Tötungsdelikt geführt wird. Denn anderthalb Stunden nach den Hinweisen Schuberts konnte man das Fluchtfahrzeug aufspüren. Einer Streife war das Wohnmobil mit dem Kennzeichen V-MK 1121 im Eisenacher Stadtteil Stregda aufgefallen. Unmittelbar vor dem Polizeizugriff erschossen sich die beiden Männer im Inneren des Fahrzeugs. Bereits das schockierte den damals 75-Jährigen, richtige Angst bekam aber, als bekannt wurde, dass die beiden dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ angehörten und insgesamt zehn Menschen kaltblütig ermordet haben. Der Pensionär fragte sich damals und auch heute noch, was passiert wäre, wenn er direkt an dem Wohnmobil vorbei gelaufen oder darauf zugegangen wäre. Vielleicht hätten sie ihn erschossen, da er ja der Einzige war, der das Fluchtauto gesehen hatte.

Natürlich hätte sich Egon Schubert darüber gefreut, wenn man sich bei ihm wegen des Tipps damals bedankt hätte. Als die Kripobeamten am 4. November 2011 seine Aussage zu Protokoll genommen hatten, habe ihm ein Kripo-Mann versprochen, dass man sich bald wieder melden werde. Darauf wartet Schubert bis heute. Auch auf irgendeine Belohnung oder finanzielle Anerkennung des Staates. So fährt er weiter einen uralten Volkswagen und lebt in seinem DDR-Plattenbau ohne Telefon. Klar ist: Ohne den Tipp des aufmerksamen Rentners wären Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an diesem 4. November 2011 vermutlich nicht gestellt worden, Beate Zschäpe stünde heute nicht vor Gericht, wobei jeder Tag im sog. „NSU“-Prozess den Staat rund 150.000 Euro kostet. Das Ende des „NSU“-Terror-Trios wäre ohne Egon Schubert womöglich nicht gekommen und die Terroristen hätten wahrscheinlich weitere Verbrechen begangen. „Ich bin zufrieden“, sagt der Thüringer und kommt monatlich mit etwas mehr als 1.000 Euro Rente zurecht.

Text: Tim Schwarz aus „4. November 2011 – Ein Hörspiel“. Radio Jena sendet es am 4. November 2016.

* = Name geändert

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