NEBENBEI BEMERKT: Wie BILD Äpfel mit Birnen vergleicht und damit 30.000 verschwundene Asylbewerber generiert

Rainer Sauer NEBENBEI BEMERKT Logo

Es klingt dramatisch. In einem Artikel mit dem Titel „30.000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden“) berichtete und behautete die BILD-Zeitung am 02.11.2017 auf ihrer ersten Seite, dass die Deutschen Behörden die Kontrolle über in unserem Land abgelehnte und damit ausreisepflichtigen Asylbewerber und -bewerberinnen verloren hätten.

Das einst von dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier gegründete „Bildblog“ (das es sich zur Aufgabe gemacht hat, über schlechte und falsche Berichterstattung von Medien zu berichten) hat den BILD-Bericht geprüft und ist zum Resultat gekommen: Die Zahl „30.000“ ist völlig falsch. U.a. schreibt die Autorin des Textes: „Neuer, unfassbarer Behördenskandal: Von gut 30.000 abgelehnten, sofort ausreisepflichtigen Asylbewerbern wissen die Behörden nicht, wo sie stecken. Zum Teil haben sie Deutschland wohl einfach verlassen — oder sind hier untergetaucht.“

Hierbei macht sie ihre Rechnung wie folgt: Sie beruft sich zunächst auf die Bundesregierung und deren Angabe, dass im Jahr 2016 insgesamt 54.437 Menschen nach abgelehntem Asylantag ausreisepflichtig waren. Dieser Zahl gegenüber stellt sie die Zahl des Statistischen Bundesamtes, nach der im Jahr 2016 rund 23.600 Menschen mit abgelehntem Antrag Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezogen hätten. Also macht die BILD-Autorin eine einfache Rechnung: 54.437 minus 23.600 ergibt eine Differenz von mehr als 30.000 Menschen. Und sie stellt eine Vermutung an, die sie jedoc im Artikel nicht als solche darstellt: Alle 30.000 ausreisepflichtige Flüchtlinge seien verschwunden.

Ebenso einfach wie die Autorin haben es sich zahlreiche andere Medien gemacht, die die ‚Milchmädchenrechnung‘ journalistisch ungeprüft übernahmen, denn estwas weiter im Originaltext relativiert selbst die BILD ihre Zahlen, in dem das Bundesinnenministerium mit der Aussage zitiert wird, „dass im Einzelfall Ausreisepflichtige bereits ausgereist oder untergetaucht“ seien. Interessanterweise gibt es von der Behörde selbst keine Bestätigung der Aussage, denn sie wäre in der BILD-Zeitung extrem verkürzt wiedergegeben worden.

Der Grund: 54.437 ist die Zahl aller ausreisepflichtiger Personen in Deutschland, somit also nicht nur die Gruppe der abgelehnten Asylbewerber/-innen  sondern auch die der anderen Ausländer, die ausreisepflichtig sind oder waren. Hierzu gehören etwa Urlauber aus der ganzen Welt mit abgelaufenen Visa, die z. B. überhaupt keine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.

„Bildblog“ hat deshalb beim Bundesinnenministerum nachgefragt und dort bestätigt man, dass die dramatische Schlussfolgerung der BILD absolut falsch ist. Nur bei 49 Prozent der als ausreisepflichtig registrierten Ausländer, so das Ministerium, handelt es sich um schutzsuchende Menschen, deren Antrag auf Asyl in Deutschland abgelehnt wurde. Diese 49 Prozent stellten die Gruppe der rund 26.600 ausreisepflichtigen Asylbeweber dar, heißt es. Wenn die BILD-Autorin also richtig gerechnet hätte, wäre eine andere Zahl herausgekommen: 26.600 Schutzsuchende minus 23.600 Menschen, die Leistungen bezogen haben = rund 3.000 abgelehnte Asylbewerber, von denen man nicht weiß, wo sie verblieben sind. – Eine Korrektur des BILD-Artikels gab es bislang nicht.

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